Stell dir vor, du stehst in einer riesigen Bibliothek. Du suchst nach einem guten, zeitlosen Buch – doch überall stapeln sich tausende billige, schnell geschriebene Romane, die die echten Klassiker verdecken. Genau das passiert gerade an den Finanzmärkten. Nur geht es hier nicht um Bücher, sondern um ETFs.
Viele Menschen verbinden ETFs noch immer mit sinnvollem, einfachem und günstigem Investieren. Doch das Bild hat sich dramatisch gewandelt. Jedes Jahr kommen Hunderte neuer, oft aktiv gemanagter ETFs auf den Markt. Zum ersten Mal gibt es in den USA mehr ETFs als einzelne Aktien – über 4.300 ETFs gegenüber rund 4.200 Aktien. Und es gibt inzwischen mehr aktiv gemanagte ETFs als klassische passive Index-ETFs.
Warum ist das ein Problem? Viele dieser neuen Produkte werden nicht entwickelt, um dir als Anleger langfristig zu helfen. Sie sind so konstruiert, dass sie möglichst viel Geld anziehen – nicht unbedingt, um bessere Ergebnisse zu liefern. Das Ergebnis: ETF-Müll. Produkte, die kompliziert, teuer und für die meisten langfristigen Ziele wenig sinnvoll sind. Sie machen es schwerer, die wirklich guten, einfachen ETFs zu finden.
2025 war ein Rekordjahr: Über 1.100 neue ETFs wurden allein in den USA aufgelegt, die allermeisten davon aktiv gemanagt. Viele setzen auf komplizierte Strategien, die für normale Anleger kaum echte Vorteile bringen.
Früher günstig, heute oft teuer
Früher war ein Hauptgrund für den Erfolg von ETFs ihre niedrigen Gebühren. Viele breite Index-ETFs kosten weniger als 0,1 % pro Jahr. Die neuen ETFs verlangen im Schnitt deutlich mehr – oft über 0,7 %, und manche sogar über 1 %. Dabei haben Index-ETFs längst bewiesen: Du brauchst keine hohen Gebühren, um am Markt teilzuhaben. Mit den neuen Produkten kehren wir jedoch zurück in die dunklen Zeiten teurer Anlageprodukte.
Was ist eigentlich ein ETF?
Ganz einfach: Ein ETF ist ein Fonds, der wie eine Aktie an der Börse gehandelt wird. Der erste ETF wurde in Kanada aufgelegt und bildete einen Index ab. Heute ist ein ETF vor allem eine Verpackung. Du kannst fast jede Strategie hineinpacken – von einfachen Indexnachbildungen bis hin zu hochkomplizierten, gehebelten oder optionsbasierten Konstrukten.
Ursprünglich waren ETFs einfache, passive Indexfonds. Heute können sie alles Mögliche enthalten. Das macht es mit einem einzigen Kauf möglich, an riskanten oder exotischen Strategien teilzuhaben. Stell dir vor, du kaufst einen fertigen Obstsalat, statt 500 Früchte einzeln zu waschen und zu schneiden – nur dass der Salat manchmal mehr Chemie als Frucht enthält.
Warum entsteht so viel ETF-Müll?
Die großen Index-ETFs (z. B. auf den S&P 500) werden von Giganten wie Vanguard und BlackRock dominiert. Für neue Anbieter lohnt es sich kaum, noch einen weiteren günstigen S&P-500-ETF aufzulegen. Deshalb entstehen immer mehr exotische Produkte, die auf Trends, Ängste oder Hoffnungen der Anleger abzielen.
Mehr Auswahl klingt zunächst gut. In Wirklichkeit profitieren vor allem die Anbieter davon – durch höhere Gebühren und mehr Assets under Management. Viele „Innovationen“ sind eher clevere Verkaufsmaschen als echte Verbesserungen.
Das Problem: Je mehr solcher Produkte es gibt, desto schwerer wird es, die wirklich sinnvollen, günstigen und breit gestreuten ETFs zu finden. Es ist, als müsstest du in einer zugemüllten Bibliothek nach den Klassikern suchen.
Vier Arten von ETF-Müll im Detail
Schauen wir uns vier beliebte Kategorien genauer an – jede spricht bestimmte Anleger-Gefühle an, hat aber klare Schwächen:
1. Themen-ETFs (Thematic ETFs) Diese Fonds setzen auf heiße Trends: Künstliche Intelligenz, Metaverse, erneuerbare Energien, Elektroautos, Cannabis oder was gerade hip ist. Die Idee: Früh ins nächste große Ding einsteigen und reich werden.
Die Realität ist ernüchternd. Viele Themen-ETFs kommen erst auf den Markt, wenn der Trend bereits gelaufen und die Kurse hoch sind. Danach folgt oft eine schwache oder negative Entwicklung. Studien zeigen, dass die meisten Themen-ETFs langfristig schlechter abschneiden als der breite Markt. Viele werden nach einigen Jahren wieder geschlossen.
Warum kaufen trotzdem so viele? Aufmerksamkeits-Bias (spannende Themen), Optimismus-Bias und der Glaube, Trends würden ewig weiterlaufen. Die Anbieter nutzen das aus und verlangen oft hohe Gebühren. Hoffnung ist jedoch selten eine gute Anlagestrategie.
2. Puffer-ETFs (Buffered ETFs) Diese Produkte sprechen die Angst vor Verlusten an. Sie versprechen, Verluste bis zu einem bestimmten Prozentsatz abzufedern, während sie an Gewinnen teilhaben – allerdings nur bis zu einer Obergrenze.
Beispiel: Schutz vor den ersten 15 % Verlust, aber maximal 8 % Gewinn in einem Jahr. Klingt clever, hat aber Haken: Hohe Kosten für die Absicherung, komplexe Struktur und eine Absicherung, die meist nur in einem engen Zeitfenster gilt. Außerhalb davon können Verluste höher ausfallen als erwartet.
Einfache Alternativen wie eine Mischung aus Aktien und etwas Bargeld schneiden oft besser ab – und das bei deutlich niedrigeren Gebühren. Wer solche Produkte braucht, sollte vielleicht seine gesamte Risikoeinstellung überdenken.
3. Covered Call-ETFs Diese Fonds locken mit hohen monatlichen Ausschüttungen. Sie verkaufen Kaufoptionen auf die Aktien im Portfolio. Steigen die Kurse stark, ist der Gewinn nach oben begrenzt. Fallen sie, bietet die Optionsprämie nur einen kleinen Puffer.
Viele lassen sich von den hohen Ausschüttungen blenden. Doch die Gesamtrendite (Total Return) bleibt langfristig meist hinter einem normalen Aktien-ETF zurück. Für Anleger, die regelmäßiges Einkommen brauchen, ist eine Kombination aus Dividenden und gelegentlichen Verkäufen aus einem breiten Indexfonds meist die bessere und flexiblere Lösung.
4. Single-Stock-ETFs Das ist wohl die extremste Form von ETF-Müll. Hier wird auf eine einzige Aktie gesetzt – oft mit Hebelwirkung (Leverage) oder Covered-Call-Strategien. Manche kombinieren sogar beides.
Diese Produkte sind hochkompliziert, teuer und extrem riskant. Die US-Börsenaufsicht SEC hat mehrfach vor ihnen gewarnt. Einzelaktien sind schon ohne Hebel riskant genug. Mit Hebel und hohen Gebühren wird daraus ein echtes Minenfeld. Die versprochenen hohen Ausschüttungen oder Hebelgewinne gehen fast immer auf Kosten der langfristigen Gesamtrendite.
Die Warnung von John Bogle
Schon John Bogle, der Gründer von Vanguard und Vater des Index-Investings, hat das kommen sehen. Er nannte ETFs die „größte Marketing-Innovation des 21. Jahrhunderts“ – und zweifelte, ob sie wirklich den Anlegern dienen. Er warnte: Viele neue, heiße Produkte nutzen vor allem den Anbietern, nicht den Investoren.
Heute sind wir mitten im Zeitalter des ETF-Mülls angekommen.
Was du tun solltest
Je komplizierter ein Anlageprodukt ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass es langfristig schlechter für dich ist. Die besten Ergebnisse erzielen die meisten Menschen mit einfachen, günstigen, breit gestreuten Index-ETFs auf den Weltmarkt oder große Indizes.
Halte dich fern von Hype, Trends und Versprechen hoher Ausschüttungen oder besonderer Absicherungen. Konzentriere dich auf niedrige Kosten, breite Streuung und eine Strategie, die du auch in schwierigen Marktphasen durchhalten kannst.
Wenn du mehr über wirklich geeignete, einfache ETFs erfahren möchtest, findest du weitere Informationen und Empfehlungen auf unserer Seite.